Henri Boulad

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ORF/Ö1, Sendung "Logos", 21. Juni 2003, 19.00 Uhr: (gedruckt in memo - Ökumenischer Manuskriptdienst , 7/2003 S. 8-12)
Gestaltung: Johannes Kaup

Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne

Der ägyptische Mystiker Henri Boulad zu Gast im Radiokulturhaus Wien

Der 1931 geborene Jesuit Henri Boulad steht in seiner Heimat Ägypten mit muslimischen Gelehrten in einem kritischen Dialog. Boulad kritisiert die christlichen Fundamentalisten mit ihrem manichäischen Dualismus ebenso wie die gewaltbereiten Fundamentalisten auf Seiten des Islams. Für ihn gibt es nur dann eine friedliche Zukunft der Religionen, wenn sie ihre mystische Tiefendimension erschließen. "Der Islam zwischen Fundamentalismus, Mystik und Moderne" - zu diesem weltpolitisch höchst brisanten Thema war Boulad am 5. Mai im Radiokulturhaus in Wien zu Gast, in einer Veranstaltung der ORF-Abteilung Religion im Hörfunk, in Kooperation mit dem Katholischen Bildungswerk Wien und der Buchhandlung Herder. "Logos" fasst die wesentlichen Passagen daraus zusammen.

Boulad: Es ist schwierig für einen Christen, objektiv über den Islam zu sprechen. Ich bemühe mich aber grundsätzlich, für den Islam Sympathie zu zeigen, obwohl ich ihm gegenüber oft gemischte, ambivalente Gefühle habe, und sage gleich, warum das so ist.

Meine Familie ist syrischen Ursprungs. Im Jahre 1860 wurden große Teile der Familie bei einem türkischen Massaker ausgerottet. Zehntausende Christen wurden damals in Syrien getötet, und ich trage diese Wunde einer Gruppe, die verfolgt worden ist, in mir. Gleichzeitig ist aber die Tatsache, dass ich heute lebe und dass mein Großvater überlebte gemeinsam mit Tausenden weiteren Christen, das Verdienst von Emir Abdel Kader, der ein Muslim war. Ihm ist es zu verdanken, dass meine Familie verschont wurde und ich jetzt am Leben bin. Ich habe also eine ambivalente Haltung, die sich durch mein ganzes Leben durchgezogen hat.

Abado: ich bin der Sohn des Südens. Mein Name ist Geduld. Auf meiner Stirn zeichnet sich ein Traum, auf meinen Lippen liegen Tau und Blumen.

J.K.: Ein Sohn des Südens aus der umkämpften Region Israel-Palästina ist der in Wien lebende Musiker Marwan Abado. Auf seiner Oud, einer arabischen Form der Laute, und mit seiner Stimme hat Marwan Abado im Radiokulturhaus Wien einen spannenden Vortragsabend mit einem anderen Sohn des Südens eingeleitet, dem ägyptischen Mystiker und Jesuiten Henri Boulad. Derzeit macht keine Religion so viele Schlagzeilen wie der Islam. Erst wenige Tage vor dem Vortrag ist in Graz eine hochkarätige Konferenz der muslimischen Imame in Europa zu Ende gegangen. Auf dieser haben die Imame, die immerhin bereits 10 Prozent der europäischen Gesamtbevölkerung vertreten, jeglichem Fanatismus, Extremismus und Fatalismus eine klare Absage erteilt.

So wichtig diese Aussagen sind: In der medialen Wahrnehmung werden voraussichtlich weiterhin die muslimischen Fundamentalisten den Ton angeben, die religiöse Überzeugung auch mit Gewalt durchsetzen wollen. Womit hat das zu tun? Liegen die Gründe im Islam selbst? Sind Islam und moderne, freie und pluralistische Gesellschaften überhaupt miteinander vereinbar?

Der Islam befindet sich weltweit gesehen in einer tiefgreifenden Orientierungskrise.

Henri Boulad kennt den Islam in seinen positiven wie auch in seinen negativen Erscheinungsformen aus erster Hand. Geboren wurde er in Alexandria. Der Religion nach ist er griechisch-katholischer Christ. Er ließ sich in Frankreich und in den USA in Theologie, Philosophie und Psychologe ausbilden und wurde Jesuit. Zwölf Jahre lang war er Präsident der Caritas für Afrika und Arabien. Henri Boulad ist also prädestiniert dazu, zu diesem auch weltpolitisch brisanten Thema zu sprechen.

"Ich bemühe mich grundsätzlich, für den Islam Sympathie zu zeigen, obwohl ich ihm gegenüber oft gemischte, ambivalente Gefühle habe."

Boulad: Das Christentum und der Islam liegen seit vielen Jahrhunderten miteinander im Streit, und dieser Streit ist keineswegs zu Ende. Ein sehr wesentlicher Grund liegt darin, dass beide Religionen einen universalen Geltungsanspruch haben. Jede der beiden Religionen will in gutem Glauben ihren eigenen Glauben verbreiten, und zwar auf der ganzen Welt. Da ist es unvermeidlich, dass die Religionen aufeinander prallen. Das war immer so im Laufe der Geschichte.

Rufen wir uns einige der wichtigsten geschichtlichen Fakten in Erinnerung:

Die arabische Eroberung ab 640, wo ganz Nordafrika, das vorher christlich geworden war, wieder unter arabische Herrschaft gelangte und den Islam annahm. Dann die Schlacht von Poitiers 732, wo der Islam aufgehalten wurde, weiter nach Europa vorzudringen. Dann die Kreuzzüge, als Europa versuchte, das Heilige Land zu erobern, im 11. und 12. Jahrhundert.

Dann die Schlacht von Lepanto 1571, bei der die türkische Flotte vernichtet wurde. Schließlich Wien, wo die Türken im Jahr 1683 endgültig aufgehalten worden sind. Das sind nur einige der wichtigsten Daten, die diese beiden Weiten voneinander abgrenzen: Europa, das unter Anführungszeichen "christlich" ist, und die muslimische Welt.

J.K.: Ist der Islam tolerant oder intolerant? - Diese Frage wird sehr oft gestellt. Eine Antwort darauf kann nach Ansicht Boulads nur gefunden werden, wenn man den Islam in seiner historischen Manifestation beurteilt. Historisch gesehen - denkt man beispielsweise an die Kreuzzüge im Mittelalter oder die Reconquista in Spanien, wo Juden und Muslime massenweise ermordet und vertrieben wurden - sei das Christentum, insbesondere der Katholizismus, wesentlich intoleranter gewesen als der Islam, sagt Henri Boulad. Das hat sich allerdings heute geändert.

Boulad beginnt seine historische Analyse nicht mit Fundamentalismus, sondern mit Mystik.

"Jede der beiden Religionen will ihren eigenen Glauben auf der ganzen Weit verbreiten. Da ist es unvermeidlich, dass die Religionen aufeinanderprallen."

Boulad: Die muslimische Mystik, der Sufismus, ist etwas ganz Wunderbares. Es ist ein Gipfel an Spiritualität, und meiner Ansicht nach ist die islamische Mystik wesentlich systematischer und ausgefeilter als die christliche Mystik. Man kann sie wirklich als die Blüte der Mystik bezeichnen. Es geht darum, dass der Mensch die Erfahrung Gottes macht in einem Dialog der Liebe, und Christen und Muslime treffen hier miteinander zusammen. Das ist eine bevorzugte Dialogmöglichkeit.

Es gibt beim Sufismus nur ein Problem: dass der Islam ihn offiziell ablehnt und ihn als Häresie betrachtet. Das vergessen viele Europäer, die den Sufismus lieben. Alle Mystiker sind von den jeweiligen religiösen und politischen Machthabern mit dem Bannfluch belegt, abgelehnt, verfolgt oder sogar umgebracht worden. Und die Frage stellt sich, ob der Sufismus für den Islam repräsentativ ist - ich kann darauf keine Antwort geben.

Die muslimischen Mystiker stellen nämlich die Wahrheit dem Gesetz gegenüber, die Wahrheit des Herzens, das Gott spürt - dem Gesetz der Scharia, das den Menschen von außen aufgezwungen worden ist, so wie es für jede Institution typisch ist.

Es gibt im Koran nur einen einzigen Text - und das ist etwas ganz Erstaunliches -, wo die Nähe Gottes zum Menschen ausgedrückt wird. Dort heißt es sinngemäß: "Ich bin dir näher als deine Halsschlagader".

J.K.: Der zweite Schwerpunkt der Ausführungen Henri Boulads dreht sich um das Spannungsfeld zwischen Islam und Modernität. Die Moderne ist ein Phänomen des christlichen Abendlands, ein Phänomen, das in Europa im 15. Jahrhundert seinen Anfang genommen und von da an weitergewirkt hat, über die Renaissance, die Reformation und die Revolution.

Auf die Französische Revolution folgte die Aufklärung. Nicht mehr die Kirche und der Papst, sondern der Mensch ist zum letzten Referenzpunkt geworden für die Wirklichkeit. Er wird zum Maß aller Dinge. Er ist die Instanz, die mit der kritischen Vernunft und mit seiner Erfahrung die Dinge erkennen kann. In dieser Moderne fühlt sich die Kirche in ihrer Existenz und ihrem Wesen bedroht, sie tritt dagegen auf und verkrampft sich dabei. Bis weit in das 20. Jahrhundert dauert es, bis die Kirche die Ablehnung der Moderne schrittweise zurücknimmt. Im Zweiten Vatikanischen Konzil manifestiert sich diese historisch entscheidende Wende. Diese Moderne ist mittlerweile nicht mehr auf die westliche Welt beschränkt, sondern wurde zu einem universellen Phänomen. Weder im Lebensstil, noch in der Denkweise, noch in der Mentalität gibt es heute hinter die Moderne ein Zurück. Das ist die gewaltige Herausforderung für den Islam, sagt Henri Boulad.

"Die muslimische Mystik ist etwas ganz Wunderbares. Es gibt beim Sufismus nur ein Problem: dass der Islam ihn offiziell ablehnt und als Häresie betrachtet."

Boulad: Die ersten Jahrhunderte des Islam sind charakterisiert von einer Haltung der Offenheit gegenüber allem Neuen. Das führte zu den großen islamischen Zivilisationen in Damaskus, in Bagdad, in Ägypten, in Cördoba und Andalusien. Das waren Gipfelpunkte islamischer Zivilisation, Höhepunkte in allen Bereichen von Wissenschaft, Kunst und Kultur ganz außergewöhnlich.

Wenn der Islam heute mit großem Stolz auf diese ruhmreiche Zeit zurückblickt, dann sollte er sich gleichzeitig die Frage stellen: Ist eine Erneuerung des Islam möglich? Gelingt das, indem man sich abschottet nach außen, oder besteht die Herausforderung nicht eher in einer Öffnung und einem Dialog?

J.K.: Wenn man die Moderne als eine Öffnung gegenüber der Vernunft bezeichnen kann, dann muss man festhalten, dass es schon in den ersten Jahrhunderten des Islam auch Rationalisten gab. In Persien Avicenna und in Córdoba Averroes. Allerdings wurden diese von der orthodoxen islamischen Macht systematisch bekämpft, sagt Henri Boulad. Jahrhunderte des Rückschritts folgten. Anfang des 19. Jahrhunderts kam es wieder zu Jahren des Aufschwungs. Es begann in Ägypten mit Mohamed Alí, der den Westen neu entdeckte. Viele Wissenschaftler aus England und Frankreich kamen nach Ägypten, und die eigenen Leute wurden zur Ausbildung nach Europa geschickt. Eine Zeit der kulturellen Begegnung zwischen Ägypten und Europa, erzählt Henri Boulad. Das dauerte bis 1952, bis zur Revolution von Nasser.

Boulad: Dann kam es zu einem Gegenschlag. Denn die arabisch-muslimische Seite der Identität war fast verloren gegangen. Ab dann zeigte sich die Gegenbewegung. Afghaní, Mohammed Abdou, Rashid Redda - die versuchten den Islam zu modernisieren, haben dabei aber Schiffbruch erlitten. Ein wichtiges Datum in diesem Zusammenhang: 1924 hat Kemal Atatürk in der Türkei das Kalifat abgeschafft. Die Kalifen waren die Nachfolger des Propheten, die ab sofort als nicht mehr existent erklärt wurden. Es gab keine Kalifen mehr. Das ist vergleichbar damit, als ob man den Papst in Rom abschaffen würde. Das hat die Krise des Islam noch verstärkt - man fühlte, dass seine Führungsspitze, der Kopf verloren gegangen war.

Dazu kam dann noch die Okkupation Palästinas durch die Zionisten, die von der muslimischen Welt als tiefe Ungerechtigkeit empfunden wird.

"Es gibt im Koran einen einzigen Text, wo die Nähe Gottes zum Menschen ausgedrückt wird. Dort heißt es sinngemäß: ,Ich bin dir näher als deine Halsschlagader.'"

J.K.: Im dritten Teil seines Vortrags widmet sich Henri Boulad dem Phänomen Fundamentalismus im Islam. Fundamentalismus ist für Boulad - egal ob islamistisch oder christlich - eine Sackgasse. Denn Fundamentalismus behauptet starr den alleinigen Besitz der Wahrheit und spricht sie zugleich den anderen ab. Er ist vor allem eine Reaktion auf eine tief verunsicherte Identität:

Boulad: Der Fundamentalismus, mit dem wir heute über weite Strecken konfrontiert sind, ist größtenteils eine Reaktion, eine Abwehrhaltung und der Ausdruck der eigenen Identitätsvergewisserung, die sich als Reaktion auf die Ungerechtigkeit äußert.

Nach den Ereignissen des 11. September 2001 habe ich in der Schweiz, in Frankreich und in Belgien eine Vortragsreihe gehalten, und ich habe dabei immer eine Geschichte erzählt: Stellen Sie sich vor, ich fahre mit dem Autobus und mein Nachbar steigt mir auf den Fuß. Ich sage zu ihm: "Entschuldigen Sie bitte, Sie stehen auf meinem Fuß." Der andere sagt darauf: "Das tut mir Leid", und bleibt weiter darauf stehen. Ich fordere ihn wieder auf von meinem Fuß herunterzusteigen, aber er bleibt ungerührt stehen. Nach vier-, fünf erfolglosen Aufforderungen schlage ich ihn mit der Faust ins Gesicht. Daraufhin schreien alle im Bus: "Achtung, ein Terrorist!" Denn sie haben den Faustschlag wahrgenommen, aber nicht, dass er die ganze Zeit auf meinem Fuß stand.

Um das Phänomen des Terrorismus zu verstehen, muss man den Kontext miteinbeziehen. Es gibt auf Seiten der Araber eine riesengroße Frustration in Bezug auf Israel, die USA, den Westen insgesamt, aber auch sich selbst gegenüber. Denn die arabische Welt fühlt sich als minderwertig gegenüber einem Westen, der als Westen der Stärke und der Eroberung auftritt. Das schafft viele Ressentiments. Das ist ein sehr komplexes Phänomen, das nicht nur religiös oder politisch betrachtet werden darf. Es ist vor allem ein psychologisches Problem.

Zunächst: Was ist Fundamentalismus überhaupt? Der Fundamentalismus ist eigentlich ein protestantisch-amerikanisches Konzept, das bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts zurückverfolgt werden kann. Es ist eng mit dem Textverständnis beziehungsweise der Buchstabentreue verbunden: dass man einen Text an sich als etwas an sich Unveränderbares, als etwas Heiliges, Unantastbares ansieht. Das führt zur Versteinerung von Religion. Das war auch beim Christentum in den letzten Jahrhunderten der Fall. Aber auch der Koran und seine zahlreichen Kommentare werden als sakrale Texte angesehen, die Gott dem Mohammed wirklich Wort für Wort und Buchstabe für Buchstabe so diktiert haben soll. Texte also, die seit mehr als zehn Jahrhunderten nicht mehr adaptiert beziehungsweise geändert wurden.

"Wenn der Islam heute mit großem Stolz auf seine ruhmreiche Zeit zurückblickt, dann sollte er sich gleichzeitig die Frage stellen: Ist eine Erneuerung des Islam möglich?"

J.K.: Für Henri Boulad stellt sich hier die Frage: Wie kann man miteinander in ein echtes Gespräch kommen, wenn dem Islam ein historisch-kritischer Umgang mit den eigenen Offenbarungstexten fehlt?

Boulad: Im Arabischen gibt es das Wort "Isch-Dschihad". "Isch-Dschihad" heißt so viel wie intellektueller Kampf und geistige Anstrengung. Im Islam war es so, dass der Koran und die Kommentatoren des Korans so sehr als etwas Sakrales angesehen wurden, dass den einzelnen Menschen das Recht zu denken abgesprochen wurde. Jeder Mensch, der etwas Eigenes gedacht hatte, wurde im Namen einer orthodoxen Anschauung verurteilt, die auf eine lange Tradition zurückblickt.

Im 9. Jahrhundert der Begründer des Fundamentalismus war Ibn Hambal, der die Sekte der Hambaliten gegründet hat. Dann fünf Jahrhunderte später sein Schüler Ibn Tajimija, der auch für die heutigen Fundamentalisten eine wichtige Referenzperson ist. Und ab dem 17. Jahrhundert entsteht in Saudiarabien der Wahabismus, der dort zur Gründung der theokratischen Gesellschaft führte, die die Scharia zur Grundlage hat.

Im 20. Jahrhundert gibt es ein Wiedererwachen der Fundamentalisten im Islam: in Pakistan Maududi, in Indien Ekbal, im Iran tritt Khomenei auf, in Ägypten Hassan EI Banna und sein radikaler Schüler Sayed Kot'b, auf den sich der Großteil der islamistischen Fundamentalisten heute beruft.

Parallel mit dem Aufschwung der radikal-islamischen Bewegung entwickelten sich die politischen Bewegungen: Hamas, Hizbollah, Dschihad, die sich vor allem dem Krieg gegen Israel verschrieben haben. Aber diese verschiedenen Bewegungen sind eng miteinander verbunden und unterstützen sich gegenseitig. Das Problem Israel ist der politische Faktor, der diesen Kampf am Leben erhält. Der Kampf richtet sich auch gegen die USA, insofern sie den Staat und die Politik Israels bedingungslos unterstützen.

Wenn ich George W. Bush einen Rat geben könnte, wäre es dieser: Der direkte Kampf gegen die Terroristen selbst wird diese langfristig stärken. Wenn man den Terrorismus wirksam bekämpfen will, muss man die wahren Gründe dafür kennen und diese aus der Weit räumen, statt Menschen zu töten.

"1924 hat Kemal Atatürk in der Türkei das Kalifat abgeschafft. Das ist vergleichbar damit, als ob man den Papst in Rom abschaffen würde."

J.K.: Der Islam stehe heute vor folgender Alternative: Entweder er lehnt die Moderne ab. Dann werden politische und kulturelle Konfrontationen ausbrechen, die enorm viel Blutvergießen nach sich ziehen. Oder dem Islam gelingt es, die Moderne einzubinden, aber wird er dann noch der Islam sein, fragt Henri Boulad? Und er versucht abschließend darauf Antworten zu geben, die er bewusst offen halten will.

Boulad: Ich möchte nur zwei Sätze des alten Königs von Marokko, Hassan II., zitieren. Vor etwa fünf Jahren hat er im französischen Fernsehen TV5 Folgendes gesagt: "Franzosen, macht euch keine Illusionen. Unsere jungen Marokkaner werden sich niemals in eure französische Gesellschaft integrieren. Sie werden immer Fremde in eurem Land bleiben." Und ein weiterer Satz:" Islam und Laizismus sind inkompatibel." Das sind Aussagen, die daran zweifeln lassen, ob der Islam eines Tages einen modernen pluralistischen Staat akzeptiert.

Eine weitere Oberlegung in diesem Zusammenhang: Ein junger Franzose algerischer Herkunft wurde von der Polizei in Lyon verhört und nach seiner Identität gefragt: "Bist du ein Franzose oder ein Araber?" Er hat darauf geantwortet "Weder Franzose, noch Araber, sondern ein Muslim." Die Frage ist hier schon, ob der Islam eine übergeordnete Identität vermittelt.

Eine dritte Frage: Dazu eine Aussage Ayatollah Khomeinis, der gesagt hat: "Der Islam ist politisch oder er ist nicht." Diese enge Verbindung zwischen Politik und Religion scheint im Islam etwas ganz Wesentliches zu sein. Ich glaube: Seit Mohammed Mekka verlassen hat und sich 622 in Medina niederließ, hat der Islam nicht mehr aufgehört politisch zu sein. Drei Viertel der Suren des Koran verweisen auf eine religiös-theokratische Gesellschaft, die von Koran und Scharia dominiert wird. Ist es vorstellbar und zu hoffen, dass Politik und Religion jemals getrennt fortbestehen können?

"Werden die Mustime in Europa, die in demokratische Systeme integriert sind, in der Lage sein, einen Islam hervorzubringen, der kompatibel ist mit der Moderne?"

Eine weitere Frage: Wird es eines Tages gelingen, dass der Islam wirklich religiöse Freiheit zugesteht? Nicht nur, dass es möglich ist, seinen eigenen Kult zu praktizieren, was ja der Fall ist, sondern dass er den Menschen ermöglicht, wirklich ihre Religion frei auszuwählen, dass ein Muslim beispielsweise Christ werden kann, ohne dass er mit dem Leben bedroht wird. Ich kenne kein einziges muslimisches Land, nicht einmal die laizistischen Länder Türkei und Tunesien, wo diese Glaubensfreiheit tatsächlich existiert. Der Islam ist gewissermaßen eine Religion ohne Rückfahrkarte: Man kann eintreten, aber man kann nicht wieder austreten.

Dann noch eine letzte Frage: Werden die Muslime in Europa, die der Moderne offen gegenüberstehen, die in demokratische Systeme integriert sind, in der Lage sein, einen Islam hervorzubringen, der kompatibel ist mit der Moderne?

Als Christ in einem muslimisch-arabischen Land ist es nicht meine Aufgabe, darauf eine Antwort zu finden. Ich möchte nur noch eine allerletzte Frage stellen: Was sagt der Islam über sich selbst? Wer kann im Namen des Islam darauf eine Antwort geben? Denn es gibt keine höchste Autorität, die im Namen aller sprechen könnte. Violà, das ist die große Schwierigkeit, die wir heute haben.

Marwan Abado
Sänger, Komponist und Oud-Spieler,
Wien

Henri Boulad SJ M.A.
Buchautor und Vortragender, ehemals
Vizepräsident der Caritas Internationalis,
Alexandria, Ägypten

 
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