Viktor E. Frankl
Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse

v Nachruf

  Frankl auf der Rax

Viktor E. Frankl
Bergerlebnis und Sinnerfahrung
Tyrolia Verlag, Innsbruck 1993

Was mag mich zum Klettern bewogen haben? Offen gesagt die Angst davor; aber wie oft frage ich meine Patienten, wenn sie sich mit ihren Angstneurosen an mich wenden: Muß man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man denn nicht stärker sein als die Angst? ...
Wer ist stärker, ich oder der Schweinehund in mir? Ich kann ihm ja auch trotzen?
Gibt es doch etwas im Menschen, das ich einmal bezeichnet habe als die "Trotzmacht des Geistes" gegenüber Ängsten und Schwächen der Seele.

 

 

Selbstverwirklichung - Sinnerfüllung

Aus dem Eröffnungsvortrag Viktor E. Frankls auf dem Internationalen Familienkongreß am 20. Oktober 1988 in Wien.

An sich ist Selbstverwirklichung durchaus wünschenswert; aber dieses Schlagwort wird nur allzuoft mißverstanden und dient dann als Alibi für egozentrisches, ja egoistisches Verhalten. Vor allem wird nicht gesehen, daß sich Selbtverwirklichung eigentlich gar nicht anstreben läßt, da sie sich vielmehr als (jeweils unbeabsichtigte) Nebenwirkung von selbstloser Hingabe entweder an eine Aufgabe oder an den Partner - ganz von selbst - einstellen muß (wie bereits der Begründer der Selbstverwirklichungs-Theorie, der Amerikaner Maslow, schließlich zugeben mußte). Ganz Mensch wird der Mensch, seine ureigensten Möglichkeiten verwirklicht er, eben im Dienst an einer Sache oder aber in der Liebe zu jemand anderem. Macht er Selbstverwirklichung hingegen zum Ziel seines Strebens, so hat er ebendieses Ziel auch schon verfehlt. Es ergeht ihm dann so wie mit der Lust - direktes Anpeilen ist kontraproduktiv, und das sehen wir Nervenärzte an den Sexualneurosen: je mehr es unseren Patienten um die Lust geht, desto mehr entgeht sie ihnen. Die Jagd nach dem Glück verjagt es, und dies ist die eigentliche Ursache von Störungen der Potenz und des Orgasmus.

Das heute sich so sehr ausbreitende Sinnlosigkeitsgefühl fördert natürlich die Tendenz zum Rückzug von der Welt auf sich selbst. So wie der Bumerang nur dann zum Jäger zurückkehrt, wenn er das Ziel - die Beute - verfehlt hat, so wendet sich der Mensch nur dann auf sich selbst zurück und ist erst dann so sehr um seine Selbstverwirklichung bemüht und bekümmert, wenn er in seinem ursprünglichen Anliegen, in seinem Leben einen Sinn zu finden und dann auch erfüllen zu können, frustriert wird. Diese existentielle Frustration schlägt sich dann freilich auch noch in einem massenneurotischen Syndrom nieder, das sich in die Trias "depression - aggression - addiction" aufgliedert: Suizidalität, Kriminalität und Drogenabhängigkeit; sie alle lassen sich, und zwar empirisch nachweisbar, auf dieses "Leiden am sinnlosen Leben" zurückführen - und letzten Endes auch nur von daher therapeutisch angehen.

Zum Glück zeichnet sich aber auch eine Trendwende ab - "von der Selbstverwirklichung zur Sinnerfüllung" - und Oswald Spengler, der den "Untergang des Abendlandes" falsch prophezeit hatte, hat die heute akut gewordene Sinnkrise und die heute aktuell werdende Sinnfrage richtig prognostiziert, wenn er - bereits 1936! - schrieb: Bevor das Jahrhundert zu Ende geht, werden Menschen von tiefem Geist sich mehr dem Nachdenken über den Sinn des Lebens zuwenden als der Wissenschaft und Technik, die heute die Menschen fesselt." Erste Hilfe zur Sinnfindung leistet nur die Familie. Sie lehrt nicht nur, für jemanden da zu sein, sondern auch, für einander da zu sein. Sie ist der Ort gelebter Selbsttranszendenz!

 

 

 

Salzburger Nachrichten, Donnerstag 4. September 1997, S. 19

Hilfe gegen das Leiden am sinnlosen Leben
Viktor E. Frankl und seine Logotherapie

Der österreichische Psychotherapeut, Psychiater und Neurologe starb im Alter von 92 Jahren in Wien - Sinnkrise als Massenneurose erkannt.

von Franz Mayrhofer

Seine eigentliche Profession, die des Arztes, Psychotherapeuten, Psychiaters zählt man heute zu den sciences, zu den naturwissenschaftlichen Fächern einer Fakultät, was er geboten hat, ist die heute allenthalben fehlende philosophische Anthropologie, eine Lehre vom Menschen, die ziel-, sinnorientiert ist. Viktor Emil Frankl, der große Gründer der dritten Wiener psychiatrischen Schule, der Logotherapie, starb am Dienstag im 92. Lebensjahr und sei, so heißt es aus dem Wiener Frankl-Institut, bereits in aller Stille beerdigt worden.

Frankl war im Grunde und im Sinn des Wortes ein Existenzphilosoph. Einer, der sich am konkreten Leben eines bestimmten Menschen orientierte. Das Prinzip: Kein menschliches Leben ist möglich ohne Entwurf, ohne Bündelung der Energie auf eine Zukunft hin. Und es ist nicht die eingesetzte Energie, die den Menschen krank macht - krank an seinem Leben. Erst dann, wenn er auf das "Wozu" verzichtet, geht er in seiner Verzweiflung unter. Es geht gegen das Leiden am sinnlosen Leben."Am Anfang war der Sinn": der Versuch Faust's, den Johannes-Text mit dem sperrigen Wort "logos" angemessen ins Deutsche zu übertragen, glückte Frankl.

Das existentielle Vakuum als weltweite Massenneurose

Immer mehr im Laufe seines Lebens spitzte sich alles darauf zu. Er sah ein existentielles Vakuum, eine Leere in den Menschen, als weltweites Phänomen und Problem, als Massenneurose. Doch das sind die Überlegungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Was war davor, was während der Nazi-Zeit?

Der am 26. März 1905 in Wien geborene Frankl organisierte als junger Wissenschafter 1930 erstmalig eine Sonderaktion zur Zeit der Zeugnisverteilung, was zur Folge hatte, wie er in einer autobiographischen Skizze schreibt, "daß in Wien nach vielen Jahren erstmalig kein einziger Schülerselbstmord mehr zu verzeichnen war".

Noch vor seiner Promotion arbeiete er vollständig selbständig: "Ich trachte, vom Patienten zu lernen - dem Patienten zu lauschen. Ich wollte herausbekommen, wie er es anstellt, wenn sich sein Zustand bessert." Und dann knallten 1937 erstmals SA-Stiefel auch über die Gänge der Hörsäle. Frankl vermochte an der Neurologischen Station des Rothschild-Spitals noch manchen Schutz für jüdische Patienten vor der Deportation ins KZ auszuüben, nicht zuletzt mit Hilfe des Leiters der Klinik, Pötzl. Man betrieb, so lange es möglich war, Sabotage an der von den nationalsozialistischen Behörden organisierten Euthanasie von Geisteskranken.

Es kamen die Tage, da Frankl wußte, daß er seine Eltern und sich nicht mehr lange vor dem Abtransport ins KZ werde schützen können. Er konzipierte die "Ärztliche Seelsorge", doch das Einnähen des Entwurfs in das Mantelfutter half in Auschwitz nichts. Frankl: "Das eigentliche menschliche Urvermögen der Selbst-Transzendenz und Selbst-Distanzierung wurde im Konzentrationslager existentiell verifiziert und validiert... Diese Empirie bestätigte den 'survival value',...der dem 'Willen zum Sinn', wie ich ihn nenne, oder eben der Selbst-Transzendenz - dem Über-sich-selbst-Hinauslangen menschlichen Daseins nach etwas, das nicht wieder es selbst ist - zukommt". Es überlebten, wenn sie zu den fünf Prozent gehörten, die im KZ nicht sofort ins Gas geführt wurden, am ehesten jene, die auf die Zukunft hin orientiert waren, auf einen Sinn hin, dessen Erfüllung in der Zukunft auf sie wartete.

 

 
Viktor E. Frankl
 
 
Viktor E. Frankl, der große Logotherapeut und Wissenschafter, zählte auch zu den Bestseller-Autoren: Sein Buch "Man's Search for Meaning" wurde mehr als sechs Millionen Mal verkauft.
 

 

Viktor Frankl verbrachte drei Jahre in vier Konzentrationslagern, sein Vater war im Lager gestorben, die Mutter in Auschwitz im Gas umgebracht worden und seine erste Frau im Alter von 25 Jahren in Bergen-Belsen. Und er ging sofort nach Wien zurück. "Hat man dir in Wien zuwenig angetan?", wurde er gefragt. Nochmals Viktor Frankl: "Was hat mir wer angetan? Da gab es in Wien eine katholische Baronin, die unter Lebensgefahr eine Cousine von mir jahrelang in der Wohnung verborgen hielt, und dann gab es noch einen sozialistischen Rechtsanwalt, den ich nur oberflächlich gekannt hatte, der nichts von mir hatte und nichts von mir brauchte, der mir aber, wann immer er nur konnte, versteckt und verstohlen etwas zu essen brachte. (Es war dies der nachmalige Vizekanzler Bruno Pittermann.) Was für einen Grund hätte ich also haben sollen, Wien den Rücken zu kehren?"

Hier stellt sich die Frage nach dem Sinn des Leids, stellen sich die metaphysisch-ethischen Fragen von Schuld, Vergebung und Sühne. Und genau diese Passagen aus Frankls Text sind als zeitgeschichtliches Paradigma, als Paradebeispiel dafür anzusehen, wie ein von den Nationalsozialisten Verfolgter, Gepeinigter, ein homo patiens, bei allem Leid, das man ihm und den Seinen angetan hat, noch zu differenzieren vermag und Grundlegendes zur Kollektivschuld sagt.

Von Kollektivschuld und verborgenem Heldentum

Er erzählt zunächst die Begebenheit mit dem SS-Lagerführer, der für die Häftlinge heimlich Medikamente, die er aus eigener Tasche bezahlt hatte, aus dem Nachbardorf hatte beschaffen lassen und den die Häftlinge nur gegen das Offiziersehrenwort, ihm würde kein Haar gekrümmt, den Amerikanern 1945 auslieferten. Und dann schreibt Frankl: "Es ist mir unbegreiflich, wie es selbst prominente und prominenteste Psychoanalytiker und wie sie es sogar nach mehr als vier Jahrzehnten noch nicht verstehen, über die Traumata hinwegzukommen, die ihnen der Rassismus zugefügt hatte. Nach wie vor neigen sie vielmehr dazu, zu generalisieren, zu pauschalieren, kollektiv schuldig zu sprechen."

So zu denken, zu fühlen und gegen jeglichen Kollektivhaß zu schreiben vermag wohl nur eine Persönlichkeit, deren Größe heutzutage wohl als Rarissimum anzusehen ist. Wahrscheinlich liegt genau in dieser Persönlichkeitsstruktur auch der große wissenschaftliche Erfolg Viktor Frankls. Seine 32 Bücher wurden in 15 Sprachen übersetzt, 29 Ehrendoktorate besitzt er, das 1959 erschienene Buch "Man's Search for Meaning" (Die Sinnsuche des Menschen) begründete die Existenzanalyse und darauf aufbauend die Logotherapie. Das Werk wurde mehr als sechs Millionen Mal verkauft. Viele andere Bücher des Logotherapeuten sind auch als Taschenbücher im Buchhandel.

Viktor Frankl, bis zuletzt geistig präsent, zwar herzleidend und durch Degenerationserscheinungen am Augenhintergrund stark beeinträchtigt, war noch im Juli Gast bei einem Bankett des Bundespräsidenten für Hillary Clinton. Die Frau des amerikanischen Präsidenten zeigte sich über die Anwesenheit des Gelehrten, der in den Vereinigten Staaten höchstes Ansehen genießt - sein Buch über die Sinnsuche zählt zu den wissenschaftlichen Standards für Studenten -"begeistert", daß Thomas Klestil Frankl eingeladen hatte. Klestil sagte nun, er sei "tief betroffen" über den Tod des Gelehrten, der wie kein anderer das Furchtbare, das ihm der Nationalsozialismus angetan habe, "zu einer Botschaft der Sinnerfüllung, Lebensbejahung und Menschenliebe" umgepolt habe.

Wer eine Zukunft sieht, besitzt die besseren Chancen

Wohl in einem seiner letzten Interviews wiederholte Frankl, der noch seine Goldene Hochzeit begehen und die Hochzeit seiner Enkelin mitfeiern konnte, was er immer gesagt hatte: "Viel wichtiger als die ökonomische und ökologische Krise ist die Krise des Sinns. Nietzsche hat einmal gesagt: 'Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie'. Tests von US-Psychiatern an Gefangenen des Vietnam-Kriegs haben schon vor Jahren ergeben, daß jene, die eine Zukunft sahen, die besseren Überlebenschancen hatten."

Leiden an sinnlosem Leben muß keine Krankheit sein

Und die derzeitige geistig-seelische Situation der Menschen in den Industriestaaten? Frankl gibt sich keinen Illusionen hin: "Umfragen an US-Colleges haben ergeben, daß 80 Prozent der Studenten in ihrem Leben keinen Sinn gefühlt haben."

Aber: Das Leiden am sinnlosen Leben muß keineswegs Ausdruck einer seelischen Krankheit, es kann vielmehr der Ausdruck geistiger Mündigkeit sein. Denn nach dem Sinn des Lebens zu fragen, gehört zum Menschen. Und der Mensch kann auch noch die Existenz eines solchen Sinns in Frage stellen. Der Verlust einer Geborgenheit erzeugt die Entfremdung. Und genau dies intensiviert das Sinnlosigkeitsgefühl. Mögliche Folge: Flucht in die Sucht.

Es zeigt sich, je länger man sich mit Frankls Werk beschäftigt, daß er hierzulande durchaus hochgeehrt ist (sein Archiv wollte ein früherer Bürgermeister Wiens nach einem APA-Bericht nicht haben), weil er sogleich und ohne Vorbehalt nach dem Ende des Kriegs wieder nach Wien gekommen ist und im Ausland höchstes wissenschaftliches Ansehen genoß.

Wie wird das Vermächtnis Frankls angewendet?

Wie aber steht es mit der Umsetzung seiner Erkenntnisse aus der Logotherapie? Die Institutionalisierung seiner Ideen hat Platz gegriffen, wissenschaftliche Auseinandersetzung findet in Fachblättern statt; wo aber wird sein Vermächtnis angewendet?

Es gibt eine Schilderung Frankls am Sterbebett einer Putzfrau des Spitals; was sollte denn der Sinn ihres Lebens gewesen sein? Frankl beruigte sie: Sie haben uns die sauberen Räume geschaffen, damit wir hier arbeiten können. Beruhigt und zufrieden, erzählte Frankl, sei die Frau gestorben.

Viktor Frankl:
"Ich habe den Sinn meines Lebens darin gesehen, anderen zu helfen, in ihrem Leben einen Sinn zu sehen"

aus: Was nicht in meinen Büchern steht