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aus: kontinente 3/2005:

"Ihre letzte Geste ist unser Auftrag"
Die Predigt von Bischof Erwin Kräutler zum Tod von Schwester Dorothy Mae Stang

Am 12. Februar 2006 wurde die Menschenrechtsaktivistin Schwester Dorothy Stang bei Anapu/Xingu-Prälatur ermordet. Auszüge der Predigt von Bischof Erwin Kräutler zu ihrer Beerdigung.

Schwestern und Brüder in Jesus Christus!

Wir sind bestürzt und zutiefst schockiert. Obwohl der Tod unserer Schwester seit langem angekündigt war, glaubten wir nicht an dieses Ende eines Lebens, das sich liebevoll den Ärmsten an der Transamazônica zugewandt hat... „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“ (Joh 15,13).
Ja, Dorothy hat ihr Leben hingegeben! Sie gab das eindeutigste Zeugnis ihrer Liebe: Sie hat ihr Blut vergossen! Dorothy war eine Ordensschwester. Sie traf die Entscheidung, ihr Leben Gott und seinem Volk zu weihen. Sie wollte Schwester aller Schwestern und Brüder sein. ...Dorothy wollte dem Beispiel Marias, der Mutter Jesu, folgen, die die Größe des Herrn pries und jubelte: „Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut (Lk 1,45). Sie hat aber auch an den Gott geglaubt, der jene „zerstreut, die im Herzen hochmütig sind" und der „die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhöht“ (Lk 1,51-52). Dorothy war empfindsam für das unmenschliche Elend, das so vielen Familien auferlegt ist. Sie teilte die Last des Leides vieler Brüder und Schwestern, die an die zahllos in diesem unseren Amazonien errichteten Kreuze geschlagen sind. Schließlich wurde sie selbst ans Kreuz geschlagen. Kaltblütig wurde sie ermordet.

     
 
So kannte man sie:
Dorothy Stang - lächelnd und freundlich zu jedem
 
Als Dorothy 1982 nach Altamira kam, bat sie mich mit jener ihr eigenen sanften Stimme, die uns noch im Ohr klingt, ob sie in der Prälatur am Xingu arbeiten dürfe. Sie wollte eine Aufgabe in einem der ärmsten und verlassensten Orte, wo das Not leidende Volk lebt. Ich schlug ihr die Region Transamazônica Ost vor, denn dort leben die Ärmsten unter den Armen. Dorothy war begeistert, und als Zeichen ihrer Verpflichtung für die Kirche am Xingu überreichte sie mir eine Reliquie vom Heiligen Kaspar. Ihr Bruder in den Vereinigten Staaten hatte sie ihr geschenkt. Sie bestand darauf, mir diese Reliquie zu geben. Sie sei vom Apostel des Blutes Christi.

Schwester Dorothy war Missionarin. Sie wurde in den Vereinigten Staaten geboren, aber sie fühlte in ihrem Herzen den Ruf Gottes, über die Grenzen ihres Landes hinaus zu gehen. Sie schenkte ihr Leben als Ordensfrau dem benachteiligten Volk. Sie verließ ihr Land des Wohlstands und der Annehmlichkeiten und tauschte es mit dem Staub und dem Morast der Transamazonica...
Sie konnte nicht dulden,dass ein Mensch benachteiligt, seiner Würde und Rechte beraubt wird, nur weil er arm ist.

Sie war viel unterwegs, oft zu Fuß, auf staubigen Nebenstraßen und holprigen Wegen, um auch die Bewohner im letzten Winkel aufzusuchen. Sie hat mit den einfachen Leuten gebetet, Versammlungen organisiert, um dem Volk zu seinen Rechten zu verhelfen. Aber sie war auch mutig, und hat den Autoritäten in Belem und Brasilia die Forderungen der Familien an der Transamazönica unterbreitet. Nichts konnte sich ihr in den Weg stellen...
Wir haben uns hier um diesen Sarg versammelt. Und wir fragen uns: Warum wurde Schwester Dorothy ermordet? Wer und wo sind die Verbrecher?

Schwester Dorothy wurde von jenen ermordet, die Amazonien nur für sich wollen, die das Land ausbeuten und für sich in Beschlag nehmen, wenn es sein muss, auch mit Waffengewalt. Dorothys Verbrechen war ihr Traum eines anderen Amazonien: gerecht und solidarisch, wo alle das Recht auf Leben haben, Recht auf Aussaat und Ernte. Dorothy wurde ermordet, weil sie Bauernfamilien gegen Landspekulanten und Holzunternehmen verteidigte, die niemanden respektieren, die alle jene Menschen bedrohen und ermorden, die es wagen, gegen ihre Interessen aufzutreten, ihre Machenschaften in Frage zu stellen, ihrer Gewinnsucht die Stirn zu bieten.

  
  
  Trauerzug: Erwin Kräutler (vorne rechts) mit der Pfarrerin von Anapu  
Dorothy ist tot! Die Probleme bestehen weiter und sind weit von einer Lösung entfernt. Angesichts des Leichnams von Schwester Dorothy... erheben wir unsere Stimme für ein anderes Amazonien, in dem das oberste Gesetz Frieden heißt, Frieden als Frucht der Gerechtigkeit. Wir rufen laut in die Welt hinaus: Stopp dem Gesetz des 38er (Revolvers)! Stopp der Übermacht und dem Hochmut jener, die sich als Herren von Amazonien gebärden, aber in Wirklichkeit mit öffentlichem Land spekulieren, das sie ganz unverschämt den Bauernfamilien rauben. Wir fordern die Achtung der Menschenrechte für alle Völker in Amazonien, auch die der indigenen Völker, die bis in die Gegenwart missachtet werden, in deren Gebiete man eindringt und deren Naturschätze widerrechtlich ausgebeutet werden...

Unmittelbar vor ihrem Tod zeigte Schwester Dorothy ihren Mördern auf die Frage nach ihrer Waffe die Bibel. Diese letzte ihrer Gesten hat sie uns als Erbe und Auftrag hinterlassen: Das Wort Gottes begleitet uns und zeigt uns den Weg! "Die Waffen, die wir einsetzen, sind nicht irdisch, sie haben durch Gott die Macht, Festungen zu schleifen (2 Kor 10,4).
Schwester Dorothy, Gott mit dir! Amen.


Anapu, 15. Februar 2005
Erwin Kräutler
Bischof vom Xingu

 
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