Aus dem Buch:
Erwin Kräutler: Mein Leben ist wie der Amazonas
Aus dem Tagebuch eines Bischofs
Salzburg, 1992
Verlag Herder
ISBN 3-451-08815-0 |
25.3.2008
Dom Erwin Kräutler bittet um Ihr Gebet
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Mein Leben ist wie der Amazonas.
Der Amazonas ist längst ein Symbol für mein Leben. Er fließt stundenlang
ruhig dahin. Plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel, ein schrecklicher
Sturm, der die Wellen haushoch emporpeitscht.
Dann jeden Tag, Ebbe und Flut. Die Gezeiten des Meeres überwältigen den
wasserreichsten Strom der Erde und noch Hunderte Kilometer von seiner
Mündung in den Atlantischen Ozean entfernt sind sie zu spüren, bis hinauf
in die unzähligen Nebenflüsse.
Ich
bin Bischof im Amazonasgebiet und die Prälatur ist nach dem Xingu benannt,
einem der größten Nebenflüsse des "Rio-Mar", wie der Amazonas auch im
Volksmund genannt wird. Kurz vor Weihnachten 1965 bin ich in Altamira
angekommen. Seit 1980 stehe ich dem flächenmäßig größten Bistum Brasiliens
vor, jede der zehn Pfarren im Diözesangebiet hat zwischen dreißig und
neunzig Basisgemeinden. In Europa entsprächen die meisten dieser Pfarren
einer Diözese. In den zwanzig Indianerdörfern wohnt die Urbevölkerung
des Xingu-Tales: Kaiapó, Asurini, Araweté, Parakaná, Xikrin, Arara.
Als
Bischof habe ich "keine bleibende Stätte". Ich bin viel unterwegs, ziehe
von Ort zu Ort, besuche die Gemeinden, höre mich heiser, versuche die
pastorale Arbeit zu koordinieren, sorge mich um die Verwaltung, bemühe
mich um das geschwisterliche Gespräch, mache Mut, gebe Denkanstöße und
ziehe Schlußfolgerungen. Ich bin unterwegs, mit dem pilgernden Volk Gottes
am Xingu und Amazonas. Ich leide, glaube und hoffe mit diesen Menschen.
Ich liebe dieses Volk.
Aber wie geht es mir dabei?
Mein Leben kann ich mit dem Amazonas vergleichen: Ruhe und Sturm, Ebbe und
Flut. Ich bin traurig und fröhlich, bedrückt und dann wieder glücklich
über so manche Veränderung. Wenn auch kleine Erfolge, sind es immer Lichtblicke.
Ich spüre die Ohnmacht angesichts so vieler Ungerechtigkeit und bin empört
über all die Ausbeutung und Plünderung der Menschen und ihrer Mit-Welt.
Dann wieder begeistert mich diese und jene Initiative, die bezeugt: Das
Reich Gottes beginnt hier und jetzt!
Alle
diese Eindrücke überwältigen mich. Kein Tag gleicht dem anderen. Immer
wieder stoße ich auf neue Erfahrungen und auf meine Grenzen.
Inmitten
der Armen hat mich im Juni 1983 die Militärpolizei herausgegriffen, zu
Boden geschlagen und verhaftet, weil ich mich den Protesten der Zuckerrohrpflanzer
angeschlossen habe. Neun Monate wurde den Arbeitern die Bezahlung ihrer
Ernte verweigert. Die Blockade der Transamazônica war der letzte Ausdruck
ihrer allgemeinen Empörung über die Mißstände. Es gab keine andere Möglichkeit
mehr, die Forderungen einzuklagen. Fotos von meiner Festnahme gingen damals
durch viele Medien. Die Welt wurde auf die Situation am Xingu aufmerksam.
Wenige
Wochen später wählte mich die Generalversammlung des Indianermissionsrates
(CIMI) der Brasilianischen Bischofskonferenz zum Präsidenten der Organisation.
Noch stärker erfuhr ich die Bedeutung der mit-leidenden Dimension der
Solidarität und spürte hautnah, was es heißt, sich für die Armen und die
kulturell Anderen einzusetzen.
Gefälschte Protokolle und Unterschriften, Lügen und Unterstellungen in
den Medien waren die Spitze einer großangelegten Verleumdungskampagne.
Den Hetzartikeln in den Zeitungen folgte ein inszenierter Verkehrsunfall.
Nur knapp entging ich 1987 einem Zusammenstoß mit einem Lastwagen. Man
erwischte den Falschen! Ein Mitbruder starb für mich, an meiner Seite.
Das Unfallprotokoll vermodert längst in den Schubladen.
Mit
dem Hl. Paulus kann ich ausrufen: "Von allen Seiten werden wir in die
Enge getrieben und finden doch noch Raum; wir wissen weder aus noch ein
und verzweifeln dennoch nicht; wir werden gehetzt und sind doch nicht
verlassen; wir werden niedergestreckt und doch nicht vernichtet" (2 Kor
4,8-9).
Ich
habe Leid am eigenen Leib erfahren. Viel mehr aber bin ich tagtäglich
mit dem Schmerz, der Not, dem Elend, der Unterdrückung und Ausbeutung
meines Volkes konfrontiert.
Ich
kann und darf nicht länger schweigen und es drängt mich, all dieses Unrecht
beim Namen zu nennen, den Protest und die Anklagen über die Grenzen Brasiliens
hinauszuschreien.
Im
Rampenlicht zu stehen, behagte mir nie! Es ist mir bewußt, daß mein Einsatz
immer Kritik auslöst. Wer mich jedoch kennt, weiß, daß ich meine Ansichten,
die aus Erfahrung und Schmerz gewachsen sind, mit Überzeugung vertrete.
Auch noch so harte Anfeindungen oder Urteile, ich sei ein "Revolutionär
aus der Buschhütte" oder naiver Träumer, können mich nicht einschüchtern.
Aus der Beilage zu "kontinente" Nov/Dez 2000:
Hoffnung:
"A esperanca é a última que morre"
Bischof
Erwin Kräutler: "Die Hoffnung stirbt als Letztes"
In
einer leidenschaftlichen Rede bei einer Versammlung der Christian Solidarity
International ging Bischof Erwin Kräutler auf die Unterdrückung der Kirche
in Brasilien ein. Wir möchten Ihnen Auszüge aus seiner Rede wiedergeben:
Wenn
jemand fragt, welche Eigenschaften, welche Gefühle Jesus kennzeichnen,
dann denke ich immer an ein Ereignis, das uns Matthäus überliefert: "Als
er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren
müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben" (Mt 9,36). Jesus
liebt die Armen. Sie sind es, die Jesus in den Mittelpunkt stellen, und
denen er - wie etwa den Kindern und Frauen - seine besondere Aufmerksamkeit
schenkt. ...
Jesus
liebt die Armen
Das
Wort Befreiung birgt für die Armen Lateinamerikas die Hoffnung, dass der
morgige Tag eine Änderung bringt und die ersehnte Freiheit der Kinder
Gottes Wirklichkeit wird.
Diese
Sehnsucht lässt die Menschen nicht los. "A esperanca é a última
que morre" - "Die Hoffnung ist das Letzte, das stirbt", sagt ein lateinamerikanisches
Sprichwort.
Diese
Hoffnung drängt zum gemeinsamen Handeln, zur Solidarität mit den Verelendeten. ...
Als
Kirche wirken wir nicht nur im sakralen Raum, ziehen uns zur Eucharistiefeier
und Meditation zurück, sondern leben im "Hier und Jetzt" der Geschichte
mit all ihren Hoffnungen und Illusionen, mit ihren Fortschritten und Rückschlägen,
mit ihren Erwartungen und Enttäuschungen. In dieser Realität sind wir
besonders gefordert, die neuen Götzen aufzudecken, die unsere Welt verehrt
und auf die Kehrseite der Medaille hinuweisen.
Bauern
fehlt das Land, Familien haben kein Dach über dem Kopf
Deshalb
wendet sich die Brasilianische Bischofskonferenz in der derzeitigen Krise
Brasiliens erneut an die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft und
weist auf die grausame Realität hin: "In unserem Land stirbt ein Großteil
der Bevölkerung, ohne im Leben gespürt zu haben, was soziale Rechte sind.
Niemand hat je ihre elementarsten Bedürfnisse für ein menschenwürdiges
Dasein berücksichtigt. Millionen Menschen hungern, haben keinen Zugang
zu Schulbildung. Wenn sie erkranken, kommt kein Arzt. Bauern fehlt das
Land, Familien haben kein Dach über dem Kopf. Es mangelt an Transportmitteln.
Schutz und Sicherheit gibt es nur auf dem Papier. Die größte Not bedeutet,
keine Anstellung zu finden. ( ... )"
Wir
können nicht gleichgültig und teilnahmslos bleiben angesichts der verheerenden
Auswirkungen der gegenwärtigen Wirtschaftpolitik, die Land und Reichtum
konzentriert, Menschen ausgrenzt, Arme benachteiligt, unterdrückt und
vom Arbeitsmarkt ausschließt und dazu noch die Umwelt zerstört. Wir fordern
eine Wirtschaftspolitik im Dienste der gesamten Gemeinschaft." ...

Indigene
Völker liegen halb tot am Wegesrand
Jesus
erbarmte sich nicht nur der vielen Menschen, die "müde und erschöpft"
waren. Er verlangt auch unmissverständlich von uns Christinnen und Christen
Barmherzigkeit (vgl. Lk 6,36). Das Gleichnis vom Samariter (Lk 10,25-37)
zeigt, dass sich Barmherzigkeit nicht auf Mitleid und ein paar gute Worte
reduzieren lässt, sondern konkrete Gesten und Taten fordert. Heute handelt
es sich nicht nur um einen einzelnen Mann, der zwischen Jericho und Jerusalem
unter die Räuber fiel. Es sind indigene Völker, Millionen von Armen, die
halbtot am Wegesrand liegen. Nicht nur Erste Hilfe und Abtransport in
ein Krankenhaus sind erforderlich, sondern das System, das ausgrenzt,
das den Kuchen so ungerecht verteilt, muss hinterfragt werden.
Strukturelle
Sünde
Und
dieses System ist nicht so etwas wie die "Ananke" in einer griechischen
Tragödie, das verhängnisvolle, unabänderliche Schicksal, das auf den Menschen
hereinbricht und dem er nicht mehr entrinnen kann. Dieses System wurde
von Menschen geschaffen. Menschen sind es, die es stützen, fördern und
verteidigen. Also können diese "sündhaften Strukturen" auch von Menschen
abgeändert werden, umgestaltet werden. Alle in der Welt, die in Politik
und Wirtschaft Verantwortung tragen, rufen wir auf, den Schrei der Armen
zu hören. ...
Der
Traum Gottes
Es
ist der Geist Jesu, der uns inspiriert, wenn wir uns für die Armen und
Ausgeschlossenen einsetzen. Es sind nicht rein gesellschaftspolitische
und wirtschaftliche Erwägungen, die uns leiten. Wir sind dem Wort Gottes,
der Offenbarung verpflichtet, dem Traum Jesu, dass alle Menschen Geschwister,
Töchter und Söhne eines väterlichen und mütterlichen guten Gottes sind.
Wer dem Beispiel Jesu folgt, wird, selbst wenn Gefahr droht, die Herde
nicht verlassen und das Weite suchen. In Lateinamerika gibt es genug Beispiele.
Erwin
Kräutler C.PP.S.
Missionare
vom Kostbaren Blut
SPENDEN BITTE AN:
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Bischof Erwin Kräutler
Konto
Nr.: 2421501, BLZ 37429
Raiffeisenbank Götzis/Koblach
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Leben:
Erwin
Kräutler wurde 1939 in Koblach/Vorarlberg in Österreich geboren. 1958
Eintritt in die Kongregation vom Kostbaren Blut, Studium in Salzburg,
1965 Priesterweihe, anschließend Missionar am Unteren Xingu und Amazonas.
Im Januar 1981 wird er Bischof der flächenmäßig größten brasilianischen
Diözese, Xingu, mit rund 350.000 km2 und etwa 400.000 Einwohnern, davon
3.500 Indianer.
Sein
Einsatz gilt der "Option für die Armen und die kulturell Anderen". Auf
seine Proteste gegen politische, soziale und wirtschaftliche Mißstände
reagieren die Verantwortlichen mit eindeutigen Drohungen. 1983 wird er
bei einer Solidaritätsaktion mit Arbeitern, denen man monatelang den Lohn
vorenthielt, niedergeschlagen, verhaftet und verhört.
Von
1983 bis 1991 Präsident des Indianermissionsrates der Brasilianischen
Bischofskonferenz - CIMI (Conselho Indigenista Missionário). Derzeit von
der Generalversammlung des CIMI für das Referat "Internationale Solidarität"
beauftragt. Kräutler Einsatz für die Rechte der indigenen Völker in der
Verfassung bringen ihm Diffamierung, Angriffe und Todesdrohungen. 1987
wird er bei einem inszenierten Autounfall schwer verletzt, ein Mitbruder
kommt ums Leben.
Als
Präsident von CIMI erreicht Kräutler 1988 mit internationaler Unterstützung,
vor allem aus Österreich, die Anerkennung der Rechte der Indianervölker
in der Verfassung. Seither bemüht er sich um die Durchsetzung dieser in
der Konstitution verankerten Rechte.
Bei
zahlreichen Reden, Vorträgen und Diskussionen im In- und Ausland informiert
er die Öffentlichkeit vom Überlebenskampf der indigenen Völker auf dem
lateinamerikanischen Kontinent, drängt zum Bewußtseinswandel und zur Verhaltensänderung.
Unermüdlich tritt er für die an den Rand gedrückten Menschen ein und fordert
gerechte Lebensbedingungen. Seine Sorge gilt auch der Bewahrung der Schöpfung.
Auf
Einladung von Bundeskanzler Dr. Franz Vranitzky wirkt der Bischof als
Berater bei der österreichischen Delegation bei UNCED im Juni 1992 in
Rio de Janeiro mit. Als Delegierter der Brasilianischen Bischofskonferenz
(CNBB) nimmt er an der IV. Vollversammlung des Lateinamerikanischen Episkopates
im Oktober 1992 in Santo Domingo teil.
Das
Wirken des Bischofs wurde mit Preisen und Ehrungen ausgezeichnet:
Erzbischof-Oscar-A.-Romero-Preis
(1988)
Katholische Männerbewegung Österreichs
Binding-Preis
für Natur- und Umweltschutz (1989)
Binding-Stiftung Fürstentum Liechtenstein
Dr.-Bruno-Kreisky-Preis
für Verdienste um die Menschenrechte (1991)
Dr.-Bruno-Kreisky-Stiftung für Verdienste um die Menschenrechte
Ehrendoktorat
der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften (1992)
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck (Österreich)
Dr.-Toni-Ruß-Preis
(1992)
Herausgeber und Redakteure der "Vorarlberger Nachrichten"
Doktor
der Theologie honoris causa (1992)
Theologische Fakultät Luzern (Schweiz)
Ehrenbürger
von Altamira (1992)
Gemeinderat von Altamira (Brasilien)
Dr.-Karl-Renner-Preis
(1992)
Dr.-Karl-Renner-Stiftung der Stadt Wien (Österreich)
Doktor
der Theologie honoris causa (1993)
Fakultät Katholische Theologie der Otto-FriedrichUniversität Bamberg
(Deutschland)
GlobeArt
Award (2004)
GLOBArt Academy, A-3753 Pernegg 1, http://www.globart.at (Österreich)
Bücher:
Erwin
Kräutler, Mein Leben ist wie der Amazonas,
Aus dem Tagebuch eines Bischofs
ISBN
3-451-08815-0 Verlag Herder, 1994
Erwin
Kräutler, Die Nacht ist noch nicht vorüber,
Der Bischof vom Amazonas als Anwalt der Menschen
ISBN 3-451-08781-2 Verlag Herder, 1994
Erwin
Kräutler, 500 Jahre Lateinamerika - Kein Grund zum Feiern
Wiener Vorlesungen im Rathaus, Band 15, Vortrag vom 7. April 1992
ISBN 3-85452-314-9 Picus Verlag Wien
Erwin
Kräutler, Kirche mit indianischem Antlitz - Eine Utopie?
Wiener Vorlesungen
im Rathaus, Band 21, Vortrag vom 16. März 1993
ISBN 3-85452-320-3 Picus Verlag Wien
Dolores
Bauer, Strom des Elends - Fluss der Hoffnung
Unterwegs mit Dom Erwin Kräutler, Bischof vom Xingu
ISBN 3-7013-0774-1 Otto Müller Verlag Salzburg, 1989
"Wir
müssen von unserem ethnozentrischen und euro-zentrischen Denken und Handeln
- auch in der Kirche gibt es ein kolonialistisches Gehabe - abkommen und
die indianischen Kulturen achten und auf sie Rücksicht nehmen. Es geht
nicht darum, diesen Menschen ein abendländisches Glaubenspaket zu übergeben,
sondern zunächst einmal darum, in einem solidarischen Mit-Leben zu erfahren,
wie sie denken, wie sie selbst sind."
ERWIN
KRÄUTLER
(aus Erwin Kräutler, Kirche mit indianischem Antlitz - Eine Utopie?)
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